Esskultur in Deutschland

19.04.2013 18:05

Heute ist die gute Küche in Deutschland längst etabliert und weit verbreitet - auch wenn es in einigen Haushalten noch anders aussieht: denn das Bild, auf dem sich die Familie um den reich gedeckten Mittagstisch versammelte, wirkt heute wie ein Relikt aus lange vergangenen Zeiten. Die klassische Hausfrau, welche den gelungenen Braten auftischt, gehört zu einer aussterbenden Spezies. Stattdessen leben die modernen Singles flexibel und schnelllebig einem Alltag, der für Esskultur oft kaum noch Platz bietet. In dieser Welt isst jeder spontan in der Mittagspause und verabredet sich mit Kollegen nach der Arbeit in einem Restaurant.
 
Inzwischen gibt es aber auch in allen deutschen Städten Geheimtipps für Geheimküchen, in denen Leute, die gerne und gut kochen, andere Menschen einladen und diese bekochen - gegen eine Geldspende. Zwar stammt die Idee aus Kuba, einem Land, in dem sich Menschen aus der Not heraus zum Essen zusammenschlossen, doch die Clubs gibt es inzwischen in vielen europäischen Metropolen. Hier in Deutschland muss ein Essen in technischer Hinsicht perfekt sein, damit es als großartig anerkannt wird. Dazu gehört, dass die Ausstattung in der Küche ebenfalls technisch perfekt ist: ob Kupfergeschirr, Gasherd und Hackblock aus Hainbuchen-Hirnholz - mit der richtigen Ausstattung gelingt nun einmal das Kochen besser. Das weiß jeder, der einmal ernsthaft versucht hat, ein aufwändiges Menü zu zaubern. 
 
Kochen mit KupfertöpfeWenn die Menschen im Beruf angekommen sind und mit beiden Beinen fest im Leben stehen merken sie, dass zu einem erfüllten und gelungenen Leben mehr gehört, als nur an die Arbeit zu gehen und abends vor dem Fernseher bei einem flotten Esse to go einzuschlafen. So kommen sie auf den Geschmack und wollen selbst gut kochen. Bewegungen wie Slow Food tragen ebenfalls dazu bei, dass sich immer mehr Menschen für ihr Essen interessieren. Diese Menschen achten darauf, dass die Zutaten für ihr Essen von guter und noch besserer Qualität sind. Die Ausrede, dass der Metzger schlecht sei oder dass es keine guten Zutaten mehr gäbe, die zählt nicht mehr. Denn es gibt sie, die guten Sachen für Topf und Pfanne. Man muss nur Ausschau halten und sich nicht mit zweiter Wahl zufrieden geben. 
 
Inzwischen gibt es Führer für Gasthäuser und Produzenten, in denen die regionale Kochkultur gepflegt wird und frische Zutaten im Einklang mit den jeweiligen Jahreszeiten auf den Tisch kommen. Gutes und genussreiches Essen heißt nicht, dass das Essen unbezahlbar sein muss, oft ist es sogar das Gegenteil. Aber ein bisschen mehr als die elf Prozent vom monatlichen Salär, die der Deutsche im Durchschnitt für sein Essen hinlegt, wird es für den besseren Genuss schon sein. Ob Brot ohne Zusatzstoffe und Geschmacksverstärker, sauberen regionaltypischen Wein oder die Pflege alter und seltener Biersorten: immer mehr Menschen begeben sich auf eine Genussreise und suchen die Produkte, aus denen sich noch gutes Essen zaubern lässt. 
 
In den vergangenen fünfzig Jahren hat sich in der deutschen Esskultur vieles verändert: es gibt unglaublich viele neue Produkte und selbst auf dem Land sind viele exotische Früchte und Gewürze erhältlich. Wer mit dem Kochen anfängt und sich mit den unterschiedlichen Sorten von Curry befasst, der bekommt mit der Zeit eine Vorstellung davon, was feines Essen sein kann. Aber es gibt auch eine entgegengesetzte Entwicklung in der heutigen Zeit: in zu vielen deutschen Haushalten wird heutzutage nicht mehr oder kaum noch gekocht. Es werden fertige Produkte gekauft, diese kommen in die Mikrowelle und fertig! Das ist ein Rückschritt in der kulturellen Entwicklung der Küche. Auch die Skandale in der Lebensmittelindustrie zeigen, dass dieses oft auch eine Frage der Kriminalität ist: hier wollen skrupellose Geschäftemacher einfach ihren Profit vergrößern. Insgesamt lässt sich aber glücklicherweise eine Tendenz hin zu besseren Lebensmitteln und gesünderer Ernährung feststellen. Immer mehr kleine Landwirte bemühen sich um immer bessere Qualität. Selbst in der Gastronomie und bei den Winzern gibt es einen Wechsel der Generationen, wie man zum Beispiel im Schwarzwald sehen kann. Zwar kann man dort auch wie andernorts schlecht essen, doch viele ältere wie auch junge Köche heben bereits deutlich das Niveau der exquisiten Küche erreicht und es gibt inzwischen auch viele gute Käsehersteller. 
 
Im Imitieren sind die Deutschen in der Küche sehr gut: das ist nicht schlecht, das ist wunderbar und bringt die Vielfalt der internationalen Küche bis in die deutsche Provinz. Und weil die französische Lebensart mit ihrer Leichtigkeit und Genussfreudigkeit so liebenswert ist, findet sie immer wieder und immer mehr Verehrer.